Astrologie ▼
Fachartikel
Zur „gegenwärtigen“ Situation
der Astrologie in Deutschland
(bezieht sich auf die 80-iger Jahre, 0[X•])
Erschienen im Organ der
Deutschen Astrologen Union (DAU)
„Astrologie-Standpunkte“
Nr. 3 und 4/1992
1) Psychologische Rahmenbedingungen
2) Astrologie und Psychologie in gegenseitiger Ergänzung
3) Deutsche Entwicklung und Sonderformen
4) Kulturgeschichtliche, spirituelle Wurzeln
1) Psychologische Rahmenbedingungen
Zurzeit kann man davon ausgehen, dass die meisten Menschen unserer westlichen Kultur Astrologie in irgendeiner Form kennen, und auch eine ganz persönliche Meinung dazu haben. Sie kennen ihr so genanntes Tierkreiszeichen = Sonnen-Stand (1[X•]) im Tierkreis - und die meisten haben sich bereits dafür entschieden, ob sie an die ganze Angelegenheit "glauben" wollen oder nicht – anders steht es dagegen bei näherem Nachforschen mit dem tatsächlichen Wissen in dieser Hinsicht. Laut einer 1987 durchgeführten Umfrage der Zeitschrift "Test" lesen ca. 61% der Bevölkerung die Zeitungshoroskope. Das heißt, wir haben es mit einem weithin bekannten Thema und Massenphänomen zu tun. Und so scheint es mir vorerst wichtig, die Rahmenbedingungen dieses Phänomens zu beleuchten. Denn es sind vor allem psychologische Umstände und Verhaltensweisen, mit denen wir uns in diesem Zusammenhang auseinandersetzen müssen.
Die Astrologie betrifft ja gewöhnlich nicht irgendwelche Objekte, also Sachen (2[X•]), sondern sie bezieht sich höchst persönlich auf den einzelnen Menschen, also jeden einzelnen von uns. Das ergibt ziemlich andere Voraussetzungen, als wenn wir über Sachen, zum Beispiel über Kapitalanlagen, Häuser oder Verbrennungsmaschinen reden. Aus dieser persönlichen Betroffenheit heraus braucht es uns nicht zu wundern, wenn Diskussionen über dieses Thema durch die ganze Astrologie-Geschichte hindurch bis heute nie enden und häufig so persönlich und unsachlich werden. Es dreht sich eben um uns Menschen selbst, und das Problem dabei ist die Objektivierung - also Versachlichung - von Persönlichem. Persönliches kann aber im Grunde genommen nicht versachlicht werden. Es prallen hier zwei gegensätzliche Standpunkte aufeinander, wie wir sie auch aus der Polarität von Natur- und Geisteswissenschaft her kennen.
Indem die Astrologie versucht, ein allgemeingültiges, also sachliches Bild vom Einzelmenschen zu entwerfen, beurteilt sie uns auch. Urteil liegt nicht nur sprachlich in der Nähe von vor- oder verurteilen. Alle diese Begriffe finden wir im Zusammenhang mit unserer Persönlichkeit bedrohlich. Sie stellen unsere Selbständigkeit und unseren Wert in Frage. Man könnte ganz allgemein sagen, dass wir gegenüber Kritik an unserer Person immer überempfindlich reagieren, während wir das Lob fast ebenso kritiklos für uns in Anspruch nehmen. Da letztlich jeder Mensch ein Recht auf sein "So – Sein“ auf einen persönlichen Standpunkt hat, wird es sehr schwer, ein Urteil über ihn abzugeben, das er auch selbst akzeptiert. Dazu kommt, dass man sich selbst natürlich nicht von außen betrachten kann, und dass es andererseits immer wieder kollektive Vorurteile gibt, z.B. in Form von Rassen- oder Geschlechts-Diskriminierung. So etwas wie ein sachliches Urteil entsteht am ehesten aus einer Summe von Meinungen über uns, die über einen längeren Zeitraum hinaus gesammelt und verglichen wurden, um daraus wird eine Art Durchschnittsmeinung zu ermitteln. Aus der parallelen Beobachtung von Menschen und Gestirnstellungen hat sich auch die Astrologie entwickelt. Es ist ein Wissen, das aus der Praxis durch Jahrtausende entstanden ist.
Heute versucht man vielfach in abgekürzter Weise, mit statistischen Methoden diesen Prozess nachzuvollziehen. Bei solchen mechanischen Verfahren bleiben aber häufig die wirklich charakteristischen Beschreibungen einer Person auf der Strecke, weil aus vielen unterschiedlichen Meinungen nur mehr ein farbloser Durchschnitt zurückbleibt. Das Verfahren erinnert an Versuche zur Bestimmung der idealen, absoluten Schönheit, welches aus einer Vielzahl schöner Menschen (und Dinge) den ermittelt wurde, wobei das Ergebnis aber nur höchst langweilig und nichts sagend wurde. Gründlich durchgeführte statistische Verfahren dieser Art sind auch sehr aufwendig und wurden daher bisher nur selten durchgeführt. Positive Ergebnisse mit dieser Methode konnte der französische Statistiker und Psychologe Michel Gauquelin (3[X•]) in jahrzehntelanger Forschung ermitteln. Ein " besonderes Verdienst Gauquelins bei diesen Untersuchungen ist gerade, dass er sich dabei auf nachweislich berufliche Fakten (Spezialisierung und Erfolg in verschiedenen Berufsgruppen) und nicht auf "verschwommene“" Eigenschaftsbeschreibungen konzentriert hat. Er hat dabei aber auch manche astrologische Tradition als Irrtum gekennzeichnet - oder konnte zumindest mit seiner Methode deren Wahrheitsgehalt nicht nachweisen, sodass ihm von astrologischer wie wissenschaftlicher Seite, trotz vieler Publikationen, eine entsprechende Würdigung versagt blieb.
Die Astrologie ist in der Öffentlichkeit im Allgemeinen auch heute noch - vorwiegend in Form so genannter Horoskopspalten der Boulevardpresse (Sonnenstandshoroskope) und seichter Fernseh-Unterhaltung bekannt. In letzter Zeit kamen im Fernsehen noch so genannte Streitgespräche (4[X•]) über "heiße Themen", in Mode, die vorgeben, einen Sachverhalt klären zu wollen, eigentlich aber nur der Zuschauerbelustigung dienen, indem emotionsgeladene Kontrahenten aufeinander losgelassen werden, die prinzipiell aneinander vorbei denken. Solche Sendungen machen das Thema Astrologie eher lächerlich, als dass sie es klären. Und die Aussagen in den täglichen und wöchentlichen Horoskopspalten der Pressestellen stellen eine so reduzierte Form (Sonnen-Tierkreiszeichen) dar, dass man diese Art der Horoskopinterpretation tatsächlich als falsch bezeichnen kann. Psychologisch gesehen mag die Beliebtheit dieser Form gerade in deren Unzulänglichkeit liegen, die eben niemand in Frage stellt.
Das extrem vereinfachte "Zeitungshoroskop" kommt also einer regelrechten Verballhornung der Astrologie gleich, was aber in gewisser Weise verständlich ist, wenn man wie von den Zeitungen beabsichtigt - Massen statt Individuen zu erreichen trachtet. Will man nämlich möglichst viele Menschen mit nur wenigen Typologien (12 Tierkreiszeichen) erfassen, wird man niemanden mehr gerecht. Im Unterschied zu dieser vereinfachten so genannten "Sonnenstands-Horoskopie" ist für die Erstellung eines aussagekräftigen "Planetenbildes" umfangreiche Rechenarbeit notwendig. Dass die Astrologie auch in dieser differenzierten Form heute wieder populärer geworden ist, verdankt sie vor allem den billig gewordenen Computern, welche die sehr umfangreichen Rechen- und Zeichenarbeiten praktisch auf null reduzieren, und für jedermann zugänglich gemacht haben. Allerdings ist hier anzumerken, dass diese exakte Form der Astrologie bereits vor dem Krieg in den 20er und 30er Jahren in Deutschlandland schon einmal - auch ohne Computer sehr bekannt war, und einen hohen Stand erreicht hatte. Das Verbot während des nationalsozialistischen Regimes (5[X•]) hat die Astrologie in Deutschland prinzipiell sehr zurückgeworfen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass trotz dieser heute so erleichterten Rechenarbeit das eigenhändige Aufzeichnen des Planetenbildes immer noch die sinnvollste Art ist, in die Astrologie einzusteigen. Lernen und Gedächtnis haben zumindest was unsere Generation betrifft - anfangs für den Lernenden manuell-motorische Qualität.
Der Computer hat neben seinem unleugbaren rechnerischen Vorteil, als Schattenwirkung allerdings auch eine neue, weniger glückliche Astrologievariante mit sich gebracht, nämlich das so genannte Computer-Horoskop, das- seit ca. 10 Jahren zunehmend den "Esoterischen Markt" erobert. Zwar wird hier mit mehr oder weniger guter Programmierung versucht, ein komplett berechnetes Horoskop in Sprache zu übersetzen, doch die anfängliche Euphorie, menschliche Intelligenz durch Computer zu ersetzen, hat sich als ziemlich irrig erwiesen. So ergeben sich dann in der Praxis bei solchen Computerhoroskopen ziemlich unzulängliche, verwaschene Aussagen. Hinzu kommt, dass die Herstellung solcher maschinellen Produkte unweigerlich vielmehr den Marktgesetzen unterworfen ist, als die individuelle Auseinandersetzung von Astrologe und Klient, die eine greifbare persönliche Verantwortung mit sich bringt. Das heißt, Waren gehorchen in ihrer "verantwortungslosen“ und sachlichen Anonymität zwangsläufig mehr kommerziellen Gesichtspunkten, und das führt dazu, dass der Inhalt dieser astrologischen Computeraussagen (6[X•]) zunehmend von der besten Vermarktung her bestimmt wird.
Der derzeitige Erfolg dieser Art Astrologie hat verschiedene psychologische Gründe. Einer der Wichtigsten mag gerade wiederum die Unzulänglichkeit sein. Da ja Menschen meist in schwierigen Lebenssituationen - durch die sie in Frage gestellt werden – zur Astrologie finden, brauchen sie eigentlich auch sehr deutliche Hinweise auf ein mögliches Fehlverhalten und dafür Korrekturhilfen. Sie selbst erkennen "es" ja nicht, sonst würden sie nicht die Astrologie zu Hilfe nehmen. Da die Erkenntnis eigener Fehler schmerzhaft ist, wird dieser Schmerz auch nach Möglichkeit vermieden. Das Computerhoroskop bietet diese Schmerzvermeidung, indem es in Unkenntnis der tatsächlichen Situation weder in der Lage ist das Problem noch die Antwort "auf den Punkt" zu bringen. Obendrein verkauft sich Schmerz natürlich sehr schlecht. Man kann die Computerhoroskope durchaus als mehr oder weniger verbesserte Nachfolger der früheren "Horoskopspalten" betrachten, daran ändert sich auch nichts, wenn die Texte 30-70 Seiten lang sind, und von guten Astrologen (7[X•]) oder Psychologen (8[X•]) "verfasst" wurden. Höchstens zählen diese Produkte dann zu den "besseren"!
Ein weiterer Punkt für die Beliebtheit dieser Produkte ist natürlich gerade ihre Anonymität. Die Bevölkerungsmehrheit hat ja doch immer noch mehr oder weniger Hemmung einen Astrologen persönlich aufzusuchen, weil sie dann öffentlich als abergläubisch eingestuft werden könnte. Insgeheim ist das Interesse daran aber bei fast Jedem vorhanden. Dieser Wunsch basiert auf dem Unvermögen jedes Menschen, sich von außen - also mit anderen Augen als den eigenen - beurteilen zu können (Selbsterkenntnis). Die Computerhoroskope befriedigen ohne jedes Risiko - im wahrsten Sinne des Wortes - dieses Verlangen. Das heißt, man erfährt auch fast nichts. So bietet allgemeinen nur die konkrete menschliche Auseinandersetzung mit einem Astrologen die Gewähr einer guten Beratung, die der tatsächlichen Situation angemessen ist. So etwas erfordert vom Astrologen natürlich psychologische Fähigkeiten. Es wird von ihm ein Balanceakt gefordert, der es ermöglicht aus den tatsächlichen Umständen heraus mit Hilfe der Astrologie ein Fehlverhalten gezielt zu erkennen und zu benennen. Er sollte den Klienten aber dabei nicht entmutigen, sondern soll ihn in angemessener Weise aufbauen und beraten. Dieses Vorgehen einer Maschine verantworten zu wollen. führt sich selbst ad absurdum. ▲
2) Astrologie und Psychologie in gegenseitiger Ergänzung
Gegenüber der Vergangenheit hat sich heute nicht nur der Berechnungsvorgang geändert, sondern auch die Art der Interpretation. So gibt es zurzeit kaum mehr Astrologen, welche in alter Manier von einem Schicksalszwang, bösen und guten Planeten, Konstellationen und Horoskopen reden (Übel und Wohltäter). Seit den ersten Veröffentlichungen Sigmund Freuds in den 20-iger Jahren dieses Jahrhunderts, stellt die Psychologie in unserem Weltbild einen nicht mehr wegzudenkenden Faktor dar. Freuds Verdienst ist in erster Linie der Hinweis auf frühkindliche, sexuell bedingte Entwicklungen in der Beziehung zu den Eltern, die starker Verdrängung unterliegen. Diese Entwicklung der Psychologie ist auch an der Astrologie nicht spurlos vorübergegangen. Astrologische Konstellationen, die zum Beispiel ursprünglich prinzipiell als Vater- oder Mutterproblem interpretiert wurden, müssen heute im Zusammenhang mit dem realen Elternerlebnis gedeutet werden. Freud erkannte auch, dass während einer Therapie zwischen Therapeuten und Klienten frühkindliche, unbewusste Elternbeziehungen (Libido 9[X•]) wieder aktiviert werden (Übertragung und Gegenübertragung). Auch beim intensiven astrologischen Beratungsprozess kann diese Libido-Übertragung eine Rolle spielen. Astrologen sollten sich daher nicht wundern, wenn Beratungen oft unterschwellig sexuelle Energien in Gang setzen (scheinbar Beziehungen einleiten), und sie sollten lernen, damit umzugehen das heißt, diese zu objektivieren.
Bereits seit den 30er Jahren tauchten vermehrt Buchtitel wie das Astro-Psychologische Lexikon" von Charles E.O. Carter (10[X•]) auf oder die "Psychologische Horoskopdeutung von Erich Carl Kühr (11[X•]) Ende der 50er-Jahre. Durch das 3.Reich mit seinem Antisemitismus wurde die im deutschsprachigen Raum beheimatete Wurzel der Psychologie entweder ausgerottet, oder die geistigen Träger dieses Gedankengutes wurden in die Schweiz oder nach Amerika vertrieben, von wo psychologische Publikationen heute vorrangig stammen. Auf diese Weise wurde die Entwicklung in Deutschland doppelt zurückgeworfen, Psychologie und Astrologie waren unerwünscht, was sich in der späteren DDR sogar teilweise fortsetzte - Astrologieverbot. Es hat einige Zeit gebraucht, dieses Vakuum gegenüber anderen westlichen Ländern wieder halbwegs aufzuholen. So ist es im deutschsprachigen Raum der Gegenwart vor allem die Schweizer (12[X•]), die lange Zeit bei der Verbindung von Astrologie und Psychologie, zumindest nach außen hin, den Ton angaben. In Deutschland ist diesbezüglich besonders Hermann Meyer (13[X•]) bekannt geworden. Wurde zum Beispiel in der traditionellen Astrologie ein so genannter Spannungsaspekt (14[X•]) prinzipiell durchwegs kritisch und negativ beurteilt (15[X•]), so differenzierte .Meyer entwicklungspsychologisch, da anfangs sich wohl Hemmungen bemerkbar machen, die dann aber über Kompensation (16[X•]) letztlich zu einer positiven Entwicklung führen können - besonders, wenn das therapeutisch gefördert wird! So kann eine anfängliche Minderwertigkeit über Machtstreben kompensiert werden und in dessen Überwindung zu echt erworbenen Selbstbewusstsein führen. Die Erkenntnis solcher Kompensationsmechanismen geht vor allem auf den Psychologen Alfred Adler (17[X•]) zurück. Gerade der Ausgang dieser entwicklungspsychologischen Prozesse ist astrologisch nicht vorgegeben.
Moderne Astrologie wird also nicht mehr so fatalistisch schicksalhaft interpretiert,
sondern das individuelle Planetenbild ist als seelischer Standpunkt des zu dieser. Zeit geborenen Menschen zu verstehen und Prognosen als Standortsveränderungen. In
den daraus resultierenden Entwicklungsphasen kulminieren wohl bestimmte Probleme, Lösungen sind dabei aber nicht vorgegeben oder vorherbestimmt. Dass heute eine psychologisch viel differenziertere Deutung notwendig geworden ist, hat sich in letzter Zeit gerade wieder sehr auffallend an ge- und miss-glückten Prognosen (DAV[•]) bekannter Fachleute gezeigt. Man könnte höchstens davon sprechen, dass sich aus dem bisherigen Erleben und dem kulturellen Umfeld bestimmte Wiederholungszwänge herausbilden So stellt die Interpretation an den modernen Astrologen wesentlich höhere Anforderungen, während die Berechnungen sich durch Mechanisierung vereinfacht haben. Ohne psychologisches Verständnis und Miteinbeziehung tatsächlicher sozialer Umstände ist, verantwortliche Beratung heute nicht mehr möglich. Diese Situation der gegenwärtigen Astrologie ist aber weder in der breiten Öffentlichkeit bekannt noch wird sie von der Psychologie in vollem Umfang wahrgenommen. Einige mir bekannte Psychologen stehen der Astrologie ausgesprochen ablehnend gegenüber, denn viele psychologischen Systeme gehen davon aus, dass der Klient zur Selbsterkenntnis wohl angeleitet, sie ihm aber nicht wie in der Astrologie abgenommen werden soll.
Es gibt allerdings hier bereits verbindende Techniken, wie sie im so genannten Astrodrama zu finden sind. Da ist eine Methode, die sich vom Psychodrama herleitet, wo sich die Klienten in der Gruppe in (schau-)spielerischer Weise ihrer Problematik bewusst werden. Das Psychodrama geht auf den Wiener Psychologen Moreno (18[X•]) zurück. Das Astrodrama in Verbindung mit verschiedenen Körpertherapien (z. B. der Bioenergetik 19[X•]) wird in Deutschland heute besonders durch Friedel Roggenbruck (20[X•]) vertreten. So haben wir es hier manchmal mit einer gewissen Konkurrenzsituation zwischen Astrologie und Psychologie zu tun. Hinzu kommt, dass die einzelnen psychologischen und astrologischen Richtungen im Allgemeinen mit sich selbst genug zu tun haben, um ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten. So sehr sich die Psychologie nämlich bereits einen anerkannten Platz im Denken der Gebildeten erobert hat, so fällt andererseits noch immer die mangelnde praktische Umsetzung dieses Wissen in unserem Sozialsystem auf (zum Beispiel Zulassung moderner Therapien durch die Krankenkassen).
Im Zusammenhang mit der Astrologie wird häufig die Archetypenlehre des Schweizer Psychiaters und Kulturpsychologen Carl Gustav Jung (1875-1961) genannt. C. G. Jung und einige positive Bemerkungen von ihm zu Astrologie werden von Astrologen gerne zitiert, um so auch der Astrologie mehr Ansehen und Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Abgesehen davon, dass C. G. Jung und seine analytische Psychologie wesentlich umstrittener sind als die Freud'sche Psychoanalyse, wird an diesem Beispiel auch deutlich, dass scheinbare "Unterstützung" dieser Art bei näherer Betrachtung auch ihre zu hinterfragende Seite hat. Jungs Lehre fußt nämlich gerade auf esoterischen Vorbildern, wie die Alchimie, und die stellt nur eine Art praktischer Anwendung der Astrologie dar. Es hieße also, das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen, wollte man Jung zu einer Art Beweissicherung der Astrologie heranziehen. Als Bestätigung der Astrologie können ja nur Erkenntnisse dienen, die relativ unabhängig von ihr zu ähnlichen Ergebnissen führen. ▲
3) Deutsche Entwicklung und Sonderformen
Die teilweise durch Isolierung gekennzeichnete Situation (Astrologie-Verbot im 3. Reich), und die Bedingungen der Nachkriegszeit schufen auch in der Astrologie neue Ansätze. Hieraus entstanden auf theoretischer und technischer Ebene neue Entwicklungen. Manche Astrologen waren ja in den Konzentrationslagern umgekommen, und die Literatur war zum Großteil verbrannt worden.
Es ist hier nicht möglich, auf engem Raum allen Personen und Entwicklungen gerecht zu werden. Es seien nur die erwähnt, die von traditionellen Formen mehr abwichen und deren Veröffentlichungen oder Schulen in Vordergrund traten. Nach dem ersten Weltkrieg bekam die Astrologie durch Alfred Witte neue Impulse. Witte entwickelte für die Astrologie ein neues Arbeitsgerät, und vermeinte nach Untersuchung vieler Horoskope Wirkpunkte festzustellen, welche er Trans-Neptuner nannte. Durch weitere Forschungen seiner Schüler Friedrich Sieggrün, Ludwig Rudolph und Hermann Lefeldt wurde diese Astrologie-Methode ausgebaut, und ist bekannt unter dem Namen Hamburger-Schule. Diese Entdeckungen und Impulse gingen ein in die Kosmobiologie. Der Verdienst der Kosmobiologie bestand darin, in der wissenschaftlich brauchbaren Reduzierung der Astrologie, eine wesentliche Strukturierung vorgenommen zu haben. Diese Entwicklung ist in erster Linie mit drei Generation der Familie Ebertin verbunden, und wird heute von dem Psychologen und Heilpraktiker Dr. Baldur Ebertin (21[X•]) fortgeführt.
Eine andere Persönlichkeit dieser deutschen Entwicklung ist Thomas Ring (22[X•]), der wohl das entscheidenste Grundlagenwerk in philosophisch-phänomenologischer Hinsicht für die gegenwärtige Astrologie geschrieben hat. Er ist öffentlich kaum bekannt geworden, und wenn ich mir die Flut amerikanischer Astrologiebücher auf dem deutschen Markt ansehe, denke ich, dass eine Übersetzung von Thomas Ring ins Englische wohl an der Zeit wäre. Die Impulse, welche durch Thomas Ring gesetzt wurden, werden heute von der Thomas Ring-Stiftung in Zürich, und dem DAV (23[X•]) fortgeführt.
Ein weiterer Kristallisationspunkt in der Gegenwartsastrologie, der relativ unabhängig von amerikanisch-psychologischen Vorbildern sich entwickelte, geht auf den vielseitigen und sehr eigenwilligen Münchener Astrologen Wolfgang Döbereiner (24[X•]) zurück. Er ist Begründer einer zwischen Esoterik, Psychologie und Alchemie angesiedelten Astrologie und hat seit den 50er Jahren sehr vielseitige Impulse gesetzt. Es ist kaum bekannt, dass Autoren wie der bereits erwähnte Hermann Meyer oder auch Thorwald Dethlefsen (25[X•]) Schüler Döbereiners waren. ▲
4) Kulturgeschichtliche, spirituelle Wurzeln
Es ist nicht möglich Erkenntnisse – und seien sie noch so objektiv und wissenschaftlich richtig - losgelöst von der eigenen Kulturgeschichte zu begreifen. Die Astrologie ist genauso wie unser anderes Gedankengut mit dieser besonderen kulturellen Entwicklung verbunden. Unsere europäische Kulturgeschichte ist in ganz entscheidender Weise neben der Auseinandersetzung mit dem Christentum durch die Philosophie eines Platon (26[X•]) und seines Schülers Aristoteles (4. Jhd.v.Chr.) geprägt.
Die platonische Ideenlehre, nach der die sinnlich erfahrbaren Dinge unserer Welt nur das Abbild ideeller, abstrakter Urbilder sind, ist seither auch zur geistigen Grundlage der Astrologie geworden. Dabei hielt Platon selbst die Astrologie für überholt. Das erklärt sich aus dem damaligen Astrologieverständnis. Die Griechen entdeckten nämlich die Regelmäßigkeiten planetarer Bewegungen, die den Babyloniern noch nicht bekannt waren. Da die Babylonier aus der Unregelmäßigkeit göttliche Botschaften ableiteten, die es zu deuten galt, schien für Platon damit die ganze Grundlage der Astrologie sinnlos. Es ist oft in der Geschichte so, dass jemand "ungewollt" die neue Basis für etwas schafft, das er vermeinte, abgeschafft zu haben. Die Platonische Lehre, der so genannte Platonismus; wurde im Abendland immer wieder von neuem aufgegriffen, zum Beispiel im deutschen Idealismus, der Klassik mit ihren Vertretern Goethe und Schiller. Aber er ist bis in der Gegenwart hinein fruchtbar, vielleicht mehr denn je. So stehen die Erkenntnisse des Teilchen-Physikers, Philosophen und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (1901-1976) in engem Zusammenhang mit diesen geistigen Wurzeln. Und es wundert nicht, dass Fritjof Capra (27[X•]) ein Physiker, und Leitfigur der Esoterikbewegung in den USA der 80-iger Jahre (übrigens ein Österreicher), immer wieder Heisenberg als seinen Lehrer zitiert. Auch die in jüngster Zeit entstandene, provokative Idee der morphogenetischen Felder des britischen Biologen Rupert Sheldrake (28[X•]), läßt sich leicht auf diese platonische Wurzel zurückführen. Insofern erscheint es geradezu oft lächerlich, wenn Astrologen im Fahrwasser solcher öffentlich Anerkannter, um die Anerkennung ihres eigenen Faches buhlen. Sie hätten das eigentlich nicht nötig, da sie sozusagen an der geschichtlichen Basis dieses Wissen zu Hause sind.
Wenn heute eine intensive Verbindung von Psychologie und Astrologie wünschenswert ist, so scheint mir diese besonders in der Ergänzung durch die Gestaltpsychologie (29[X•]) zu liegen. Bereits 1890 veröffentlichte Christian von Ehrenfels in seiner Schrift über "Gestaltqualitäten" die ersten so genannten Gestaltgesetze. Ausgangspunkt dabei ist der aristotelische Satz, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei (Gestaltpsychologisches Gesetz der Übersummativität). Für die Astrologie ist das Gesetz der Übertragbarkeit von Gestalten - also Ganzheiten - von besonderer Bedeutung. Es macht verständlich, dass sich die Qualität oder Gestalt eines Ganzen auf andere Teile übertragen kann. Obwohl das neue Ganze dann von gleicher Qualität der Gestalt ist, so besteht es doch aus anderen Teilen.
Das ist nichts anderes als das Grundgesetz der Analogie, mit dem die Astrologie seit jeher arbeitet. Im Ganzen gesehen macht das auch verständlich, warum sich die zeitbedingte Gestalt des Sonnensystems im Geburtsaugenblick - die gleichzeitig eine besondere Qualität darstellt - auf ein anderes Teil, also den Menschen, überträgt. Die Gestaltpsychologie hat diese verschiedenen Gestaltgesetze an zwischenmenschlichen Beziehungen intensiv erforscht. Man wird damit Astrologie nicht naturwissenschaftlich beweisen können, denn auch die Psychologie ist keine Naturwissenschaft, aber der gleiche Denkansatz, der beide Richtungen verbindet, könnte sich bei einer Verbindung von Astrologie und Psychologie als sehr fruchtbar erweisen. Und es gibt auch zunehmend Psychologen, welche Astrologie in ihrer Praxis verwenden, allerdings eher aus der Jungschen Schule - der analytischen Psychologie. Hier ist die bekannte englische Analytikerin und Buchautorin Liz Green (30[X•])zu nennen.
Einer der bekanntesten Psychologen, der sich ausgiebig mit Astrologie beschäftigte, war der 1902 geborene deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann (31[X•]), der - ein eher seltener Fall - von der Freudschen Richtung kam. Zunehmend fällt jedenfalls auf, dass immer mehr Psychologen sich der Astrologie als Ergänzung bedienen. Besonders Jüngere scheinen offen dafür zu sein. 1978 konnte bei einer Umfrage bei Psychotherapeuten (32[X•]) festgestellt werden, dass bereits 10% von ihnen astrologische Aussagen als diagnostisches Hilfsmittel benutzen.
Wenn ich hier für eine Verbindung von Astrologie und Psychologie eintrete, so meine ich, damit nicht, dass nun jeder Astrologe ein ausgebildeter Psychologe sein müsste. Wurde die Astrologie in vergangener Zeit von Psychologen und anderen noch durchwegs lächerlich gemacht und abgewertet, so sollte nun nicht der Fall eintreten, dass innerhalb der Astrologie die Psychologen den Ton angeben. Das sinnvolle Maß liegt wohl im gegenseitigen voneinander Lernen. Astrologen sollten diese gegenwärtige Entwicklung nicht verschlafen und aus früherer Gekränktheit und falsch verstandenem Stolz moderne psychologische Erkenntnisse ablehnen. Astrologie ist nach wie vor eine sehr eigenständige Disziplin, die zum Beispiel das ganzheitliche Erfassen bildhafter Strukturen (Planetenbilder) erfordert. Ihr Unterschied liegt in einem wesentlich umfassenden Denkansatz der das gesamte irdische Dasein zu begreifen versucht. Der Gedanke eines in gewisser Weise psychobiologischen Schicksals ist zum Beispiel der Psychologie ziemlich fremd, und lässt eher an eine kosmische Genetik denken. Die Astrologie wurde früher nicht zu Unrecht als Königin der Wissenschaften bezeichnet. Man könnte das in die moderne Sprache übersetzt als "die" Grundlagenforschung über das "Da-Sein" schlechthin bezeichnen. Nicht verwunderlich, dass sich nun manche späte Enkel das Erbe dieser scheinbar gestürzten Königin einverleiben möchten.
Wo könnte nun die Astrologie innerhalb einer spezialisierten Gesellschaft einen ihr entsprechenden Platz einnehmen? Es wäre in Zukunft zum Beispiel eine Zusammenarbeit von Medizinern, Heilpraktikern, Psychotherapeuten, Psychologen und Psychiatern mit Astrologen in der Form denkbar, wie es innerhalb der Medizin heute zwischen praktischen Ärzten und Röntgenologen gehandhabt wird. Wobei es natürlich auch praktische Ärzte mit eigener kleiner Röntgenanlage gibt. Der Astrologe würde dann sozusagen das seelische Röntgen bild in Form eines "kleinen", aber sehr präzisen Gutachten liefern. Solche Gutachten könnten innerhalb der helfenden Berufe sehr exakt formuliert werden, da ja letztlich erst der Arzt oder Therapeut die eigentliche Interpretation an Hand der tatsächlichen Probleme seines Patienten, vornimmt, und entsprechende verantwortliche Maßnahmen vorschlägt.
In der Gegenwart ist eine solch Tendenz allerdings kaum zu bemerken. Die Richtung geht eher wie bisher zu einem vollkommen selbständigen Beruf, also einschließlich der therapeutischen Vermittlung. Es entstehen höchst unterschiedliche Astrologie-Richtungen, die sich durch ihre Therapieformen und astrologischen Techniken unterscheiden. Diese typisch "wassermännische" Form (33[X•]) ist natürlich weniger für eine breite öffentliche Anerkennung geeignet, da ihr sozusagen die überprüfbare Norm fehlt. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass es bei einigem guten Willen unter Astrologen schon so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu definieren gäbe, der nicht einmal so klein ausfallen würde. Durch Verbände wie die D-A-U, die für alle Astrologie-Entwicklungen offen sind, ergeben sich dadurch überhaupt erst die Möglichkeit, diesem gemeinsamen Nenner auf die Spur zu kommen.
Wie bereits angedeutet, wird die Astrologie auch durch Psychologie nicht zu erklären sein, höchstens kann die Psychologie den Deutungsspielraum differenzieren. Naturwissenschaftliche Erklärungshilfen für das Funktionieren der Astrologie, liegen wahrscheinlich in hormonellen Rhythmen im Sinn der Chrono-Biologie. Nur müssten solche Untersuchungen durchgeführt werden, was teuer und langwierig sein wird – und bis heute nicht im öffentlichen Interesse liegt.
Aber von ganz großer Wichtigkeit scheint mir - da die Astrologie ja eine Art allumfassende Wissenschaft ist -, dass sie auch ihre spirituelle Verantwortlichkeit wahrnimmt. Je mehr die Astrologie in der Öffentlichkeit als stimmig empfunden wird, umso notwendiger wird die erneute Ausbildung dieser geistigen Dimension werden. Gerade die Ganzheitlichkeit der Astrologie legt das nahe, indem sie über den Menschen hinaus, auf größere Zusammenhänge verweist und zurück führt. Wissenschaft und Religion sollen nicht als dualistisch oder gegensätzlich, sondern als polar aufeinander bezogene Kräfte verstanden werden. Astrologisch ausgedrückt in der Polarität Fische/Jungfrau oder Schütze/Zwilling.
Dass die Astrologie ihren spirituellen Aspekt bisher noch nicht wahrnehmen konnte, liegt in ihrer Nähe zur alten Götterwelt (im Sinne eines vegetativen Bewusstseins), dadurch gerät sie nämlich in Konkurrenz, oder besser ausgedrückt steht sie dadurch im Widerspruch zum Christentum. Wir finden eine ähnliche Situation in Asien vor, wo der Buddhismus die alte Götterwelt ablöste (Vedische Religion, Hinduismus). Allerdings ist im Buddhismus mit seinen verschiedenen Buddhamanifestationen der spirituelle Aspekt der Astrologie noch wesentlich deutlicher vorhanden als im Christentum. Von diesem östlichen Gedankengut angeregt, entstand im Westen um die Jahrhundertwende die so genannte Theosophie (34[X•]), bei der astrologische Vorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Es erstaunt daher nicht, dass Astrologen sich sehr häufig mit östlichen Religionen auseinandersetzen oder wie der deutsche Astrologe Hans Hinrich Taeger (35[X•]) sogar zum Buddhismus übergetreten sind.
Man kann sagen, dass in der Astrologie scheinbar eine Art Konzentrat des alten "Heidentums" mit seinem Vielgötter-Glauben (Archetypen) - und einem Schicksals-Begriff enthalten ist. Wurde das Christentum im Römischen Reich zuerst verfolgt, so dreht sich der Spieß nach dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion um: das so genannte "Heidentum" wurde nun verdammt. Was das Christentum an Neuem hervorbrachte, ist tatsächlich die Erlösung von einem unentrinnbaren Schicksal (gnadenlos rächende Götter). Es ist die gleiche Entwicklung wie im Buddhismus, der die Möglichkeit aufzeigte, aus dem alten, unentrinnbaren Rad der Wiedergeburt (Hinduismus) auszusteigen. Zentrales Thema beider Religionen ist dabei die Befreiung und Vergebung von Schuld (Karma 36[X•]). Diese neue Entwicklung, die zur Erkenntnis selbstverantwortlicher Individualität führte, bewirkte, dass die Menschen nun im Bewusstsein eines gnädigen Gottes das Schicksal selbstverantwortlich in die Hand nehmen können, und auch die Astrologie konnte sich so vom Fatalismus befreien. Aber wie das Neue Testament aus dem Alten Testament hervorging, so wie es die Vorstellung eines Gottvaters und seines Sohnes gibt, so wie es vegetative, unbewusst ablaufende Prozesse und ein Bewusstsein gibt, ein Großhirn und Kleinhirn, so existiert auch diese alte Götterwelt noch in unserem Unbewussten, und unsere Seele ist immer noch Schauplatz ihrer Kämpfe, aber nicht mehr ihr Knecht. ▲
Es ist der Geist, das Licht in uns,
welches sich langsam aus der Dunkelheit,
aus den Fesseln und Gesetzen der Materie löst,
und diese entwickelnd durchdringt.
im Sommer 1992
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© Otto Kayser
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